Geistliche Lesung
Gottes Wort ertasten
Der heilige Benedikt sieht in der Tagesordnung seiner Klosterregel neben der Zeit fürs Gebet und die Arbeit mehrere Stunden für die geistliche Lesung, die Lectio divina, vor. Darunter versteht er das Lesen und meditieren der heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments.
Die geistliche Lesung führt von der Lesung zur Meditation, die einmündet ins Gebet als Antwort des Menschen auf Gottes Wort.
Lesen
Die Mönche der Antike und des Mittelalters haben stets "mit den Lippen" gelesen. Sie haben nicht still und bloss mit den Augen gelesen, sondern die Worte mindestens leise gesprochen. Das kann auch heute eine grosse Hilfe sein, das gelesene Wort bewusster aufzunehmen. Das Erlebnis der Sinne ist auf diese Weise ein stärkeres und prägenderes.
Besinnen
Das Gelesene wird bedacht und erlebt. Im Innehalten und in der Wiederholung gehen einem oft ganz neue Bedeutungen auf, es erschliessen sich Zusammenhänge, die einem beim einmaligen Drüberlesen verschlossen bleiben. Im Nachsinnen wandeln sich Worte zu Bildern. Diesen Bildern gilt es Raum zu geben. Dafür braucht es Zeit. Es ist geschenkte freie Zeit, weil das, was hier entstehen kann nicht gemessen und beurteilt werden muss.
Beten
Beten ist sprechen mit Gott, antworten auf sein Wort. Der Beter spricht zu Gott die Sehnsuchtsbilder aus, die in der Meditation des gelesenen Wortes entstanden sind. Bilder der Hoffnung, Bilder der Angst, Bilder der Vergangenheit und Bilder der Zukunft werden jetzt vor Gott getragen und ihm zur Wandlung anvertraut.
Grössere Offenheit, tiefere Einsicht und die Bereitschaft, sich durch Gott im Leben beschenken zu lassen, das ist das Ziel der regelmässigen Begegnung mit Gottes Wort in der geistlichen Lesung.

